Rezension: Kathrin Mayr, atemlos.
Wie groß muss Lyrik sein, damit man sie in der Öffentlichkeit
wahrnimmt? Bei Kathrin Mayr genügen neunzehn Gedichte und eine edle
Federzeichnung, um einen plastischen Gedichtband in den Regalen zu platzieren.
Von den neunzehn Gedichten ist die Hälfte (acht) schriftlich anerkannt,
das heißt, bei diversen Sparkassen-Lyrik-Wettbewerben wurden diese
Gedichte irgendwie schriftlich zur Kenntnis genommen.
Wenn man den Preisquotienten berechnet, handelt es sich um durchaus preisträchtige
Lyrik. Wie aber schauen diese Gedichte im Einzelnen aus? Die Gedichte sollen
etwas Edles, Konventionelles und Erbauliches vermitteln, das tun Gedichte
zwar meistens, aber bei Kathrin Mayr merkt man noch die betuliche Hand auf
dem Papier, mit der sie die Gedichte hingeschrieben hat, offensichtlich konnte
sie diese nicht rasch genug aus der Lyrik zurückziehen.
„in den nestern verwesen die vögel“ (7) ist so eine typische
Zeile, in der sich die ganze Literaturgeschichte spiegelt. Leicht morbid
aber sehr heimelig verwesen da die lyrisch obligaten Vögel, und wenn
man davon ausgeht, dass in der Lyrik Vögel immer Zeit bedeuten - was
dann wohl erst das von den Vögeln abgeleitete Zeitwort bedeutet! - dann
ergibt sich durchaus ein netter Sinn, dass die Zeit verwest.
Etwas heftiger wird diese Zeitverwesung, wenn der Raum birst, an den Mauern
Eingeweide hängen und draußen der bloße Tag ist. (9) Salopper
kann man einen etwas daneben gegangenen Tag wohl nicht in Strophen bringen.
Das Projektstiftende Titelgedicht „atemlos“ schließlich
ist ein Trakl im MP3-Format, dabei werden ja alle unhörbaren Töne
weg gefiltert, damit die Sinndatei nicht zu umfangreich wird. Etwas Ähnliches
dürfte die Autorin mit Trakl im Auge gehabt haben, also wieder einmal
tönt eine Klage des schwarzen Himmels und „weder du noch ich /
leben weiter / im atem / von gestern.“ (25).
Eine relativ passable Methode, den Tiefgang von Gedichten zu erforschen,
ist deren Umwandlung in Prosa. Das Gedicht „atemlos“ freilich
wird dabei zu einem ziemlich flach atmenden Satzbogen. Gute Lyrik ist absichtslos
und einfach da. Wenn man sich zu fragen beginnt, warum es dieses oder jenes
Gedicht in einem Buch gibt, ist das Wagnis der Drucklegung zumindest fragwürdig.
Also die Autorin ist zum Zeitpunkt der Drucklegung knapp zwanzig Jahre alt,
noch ist kein unverwechselbarer Stil zu erkennen. Wenn sie aber tapfer durchhält
und wenn sie ein paar Jahrzehnte lang weiter schreibt, kann es durchaus sein,
dass dieser Gedichtband eines Tages zur Rarität wird. Also sollte man
ihn sammeln, und gelesen ist er ja auch in ein paar heftigen Atemzügen.
Helmuth Schönauer, 28-10-2004
Autor, Rezensent, Uni Innsbruck
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ATEMLOS
Genre: Lyrik
Autorin: Kathrin Mayr
Verlag: Hans Perting Buchwerkstatt, 2004
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