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Buchrezensionen: Im Sechsten Arm |
TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 876
Im Sechsten Arm
Es gibt Jahre, die dicht sind. Und es gibt Jahre, die
durchlässig sind. Immer wieder läutet diese Weisheit der Chronisten
ein neues Kapitel in der Lebensgeschichte eines zum Katholizismus konvertierten
Vinschgers
ein. Salomon Glauber hat in der Identitätsleere Südtirols nach
1918, als
das Land zwischen Koma, Saint Germain, Italien und verblichener
Habsburger Monarchie zu verschwinden droht, seine Konfession gewechselt,
der Liebe willen. Als Jude ist er Katholik geworden, obwohl das
irgendwie nicht geht, und auch Südtirol ist italienisch geworden, was
scheinbar auch nicht geht.
Hans Perting erzählt episch weitläufig und dennoch in kurzen atemlosen
Sätzen, wie es die Glaubers durch Italien treibt, jedes Jahr in eine
andere Stadt, mal dem Reishandel hinterher jagend, mal der Hungersnot
vorauseilend. Die Sätze gleichen dabei Aufschriften oder Menetekels.
Egal, ob Beschreibung, Bericht oder Zitat, in schroffem Satzbruch wird
der Roman atemlos zu Ende erzählt. Der Sohn Salomons wird in die
Zeitgeschichte des Duce verwickelt. Als die Juden Italiens deportiert werden,
kommt auch er noch dran und wird
im berüchtigten „sechsten Arm“ des Gefängnisses in
Rom eingekerkert,
dort wo die „Politischen“ und Querdenker einsitzen. Der Schluss
bleibt
offen wie ein Projektil, das gerade den Gewehrlauf verlassen hat.
In einer Nachbemerkung erzählt Hans Perting den Zusammenhang
zwischen Roman und jenen Fakts, die er erzählt bekommen hat. Das Schicksal
der Glaubers ist authentisch auf konkrete Geschehnisse bezogen, andererseits
repräsentieren die Glaubers auch jenes Südtirol, das hastig durch
die
Zeitwallungen driftet.
Ein Glossar und jede Menge Fußnoten verknoten die
Fiktion beinahe reibungslos mit lexikalischen Fakts. Erzähltechnisch interessant
ist der Spielraum zwischen Meinung der Figuren und Meinung des Kommentators
in
den Fußnoten. Da wird etwa Papst Pius XII in einem Kommentar aus der
Hüfte heftig gelobt (269), weil er trotz der Deportation der Juden 4500
von ihnen in Klöstern rund um Rom verstecken ließ. Diese Fußkommentare
sind eine interessante Möglichkeit, Meinung diskret zu platzieren.
Andererseits erfahren scheinbar triviale Begebenheiten eine religiöse
Würdigung, indem sie mit Zitaten aus jüdischem oder katholischem
Glaubensschatz unterlegt werden. „Die Jugend nährt sich von Träumen.
Das
Alter von Erinnerungen.“(98) Im Jiddischen klingt es dann noch
wahrer und glaubhafter und passt an jeder Stelle.
Hans Perting: Im Sechsten Arm. Roman.
Brixen: Provinz Verlag 2005. 232 Seiten.
EUR 16,30. ISBN 88-88118-25-X.
Hans Perting, geb. 1963, lebt in Mals.
Dr. Helmuth Schönauer - 07/11/2005
Germanist, Rezensent, Autor, Universität Innsbruck
URL: www.schoenauer-literatur.com
EMAIL: info@schoenauer-literatur.com
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